The Divide – Die Hölle sind die anderen

Der Franzose Xavier Gens ist – wieder einmal auch dank Tausendsasser Luc Besson im Hintergrund – vor allem für seinen ersten Langfrilm Frontier(s) bekannt, stolperte er mit dem Schocker doch genau richtig in die Zeit der Euphorie über das neue harte französische Horror-Kino zwischen High Tension und Martyrs. Nur so richtig gut war sein Film nicht – was ebenso auf seine kurze Stippvisite nach Hollywood in Form der Videospielverfilmung Hitman – Jeder stirbt allein zutrifft. Mit The Divide – Die Hölle sind die anderen brachte Gens dann aber einen Film hervor, der sich in jeder Hinsicht positiv von seinen Vorgängerwerken abhob. Nur wollte ihm da schon kaum noch jemand Beachtung schenken – und die wenige Beachtung, die der Film erhielt, ist ob seiner Lust an Grenzauslotung überwiegend ablehnender Natur. Und das ist schade.

There is something in the storageroom you don’t know about.

Story

Als grelle Blitze, Explosionen und Beben New York überziehen, bleiben einer neunköpfigen Truppe nur Sekunden, um sich in dem Keller eines Hochhauses zu verbarrikadieren, welcher von Hausmeister Mickey für ebensolche Notfälle präpariert wurde. Die einander weitestgehend unbekannten Menschen sitzen auf engstem Raum in diesem unterirdischen Komplex, während sie nicht wissen, was draußen vor sich geht – ob die Gefahr gebannt oder gestiegen ist, ob die Stadt Opfer eines Unfalles oder eines Angriffes wurde.
Sorge bereiten außerdem nicht nur von Draußen eindringen wollende Männer in weißen Schutzanzügen und mit voller Bewaffnung, sondern auch die sich aufstauenden Energien innerhalb der Gruppe. Was anfangs noch normale Wortgefechte sind, steigert sich für die Dauer des Aufenthalts und unter dem Mantel der Verzweiflung immer weiter, bis die Grenze des Normalen weit überschritten wird.

Kritik

Als ich The Divide 2011 damals lange vor seiner offiziellen Veröffentlichung in einem Kinosaal sehen durfte, dauerte es nicht lange, bis das Publikum auf eine außergewöhnliche Weise reagierte. Einige verließen den Saal, weit mehr jedoch – alles abgebrühte Genrefans – saßen mit vor den Mund gedrückten Händen auf ihren Plätzen und starrten regungslos und mit vor Schreck geweiteten Augen auf die Leinwand.
The Divide bewegt die richtigen Hebel und hat die richtigen Pläne. Ein Höchstmaß an Beklemmung, an vollkommener Anspannung, an Annäherung an die Eskalation. Mit den Worten „Let there be light.“ aus Michael Beans Mund beginnt eine neue Welt, deren Anfang nicht die Schöpfung, sondern die Zerstörung der vorherigen war. Fortan beginnt ein mitleidloser Schraubstock sich immer weiter zuzudrehen, um erst die äußeren Wände der menschlichen Exklave  einzudrücken und sich mit fast schon fatalistischer Unaufhaltsamkeit seinem Kern anzunähern. Serviert wird dies mit einer sehr durchdachten, ausgefeilten, aber ungemein schmutzigen Ästhetik. Wie ein Musikvideo, mit all den oberflächlichen Perversionen, die mit diesem Inszenierungsgestus einhergehen, spielt sich das Grauen über zwei Stunden hinweg ab. Und Hossa, ist das wirkungsvoll.
The Divide mutet sich und dem Zuschauer eine haarige Gratwanderung zu, indem es zwischen Panik-Psychogram Einzelner, Dynamiken eines gesellschaftlichen Querschnitts im Stile eines King’schen Mikrokosmos und der neuen französischen Hardcore-Horror-Welle angesiedelt werden möchte. Naturgemäß klappt dies nicht immer tadellos. Die Figuren werden nicht ausgiebig ausgeleuchtet, Konflikthergänge werden um des Tempos willen beschleunigt dargestellt und sehr viele Handlungen sind schlicht kaum nachvollziehbar. Andererseits liegt gerade hier der spezielle Reiz des Filmes: Es ist gerade dieser Zwischenraum, diese kaputte Heterotopie eines Kellers, der plötzlich zum Zentrum der Welt degeneriert und alle Räume zugleich zu sein hat, in dem alle bisherigen Regeln und jede normal nachvollziehbare Folgerichtigkeit außer Kraft gesetzt zu sein scheint, die grausige Faszination ausstrahlt. Wenn alles im Niedergang befindlich ist, warum, so lässt sich der Film lesen, sollte dann irgendetwas noch bekannten Bahnen folgen?
Nicht auf allem liegt ein schmutziger Staub, sondern er scheint in allem zu liegen.

Was The Divide perfekt beherrscht und was Regisseur Xavier Gens weder davor noch danach auch nur im Ansatz so gekonnt vollzogen hat, ist die Generierung immens intensiver Situationen. Die Momente, in denen die sowieso schon permanent hohe Spannung nicht mehr gehalten werden kann und irgendwo etwas unvermeidlich explodiert. In einer Heftigkeit, in einer Unfassbarkeit, die nur schwer auszuhalten ist.
Auffällig sind die immer gleich verlaufenden Kamerabewegungen, die mit einer Nahaufnahme beginnen und in einer Parabel bis zu einer Totalen zurückfahren. Der Film nähert sich den Personen nicht an, sondern entfernt sich mit ihnen im gleichen Tempo, wie sie von der Situation und sich selbst entmenschlicht werden. In diesem Extrem ist nicht jeder dem anderen Wolf, sondern etwas viel Schlimmeres.
An anderen Stellen wiederum ist die Kamera  zu bewegungsfreudig und der Schnitt zu hochfrequentiert. Viele von der Montage verstümmelte Rundfahrten um die Personengruppen wären als durchgängige Bewegungen weit intensiver gewesen. Hier stört die Musikvideo-Ästhetik dann doch das Konzept.
Ebenso übertrieben ist der Einsatz der Pianomusik, die manchmal etwas zu laut und eine Spur zu dramatisch die Tasten klingen lässt. Auch hier wäre nicht weniger, sondern einfach gar nichts mehr gewesen. Diese Augenblicke fehlender Stille kosten den Film in seiner ersten Hälfte einige Möglichkeiten, was ob der Tatsache, dass die Veranlagungen dafür vorhanden sind, doch etwas schade ist.

Was The Divide außergewöhnlich, in seinem gebiet einzigartig und in vielen Augen auch ziemlich schlimm macht, ist seine Wandlung, die er nach der Hälfte der Laufzeit durchläuft. Es ist nicht direkt ein Plottwist, es ist nicht direkt ein Bruch oder eine Wendung der Geschichte – und eigentlich ist es all das doch. In ungeahnter, ungekannter und wohl auch ungewollter Weise. Denn die klassische Intensivität, die bisher aufgebaut wurde und auch einen ebenso klassischen Gipfel erklomm, weicht einer, die in dieser Richtung nicht erwartet und in dieser Form noch nicht oft vorgekommen ist. Und diese Intensität wird gesteigert, überdreht und einfach weiter gesteigert. Über alle Konventionen, Regeln und Erwartungen hinweg. Über jede Form von Geschmack und auch über die Formen des Zumutbaren hinaus.
Und hier fallen die Vorhänge. Denn so wie die Personen ihre unnatürliche Schönheit verlieren, verliert sie auch der Film. Das Piano schwärmt seltener, Die Montage beruhigt sich.  Und auch die Kamerafahrten kehren sich um – nun wird von der Totalen zur Nahen gezoomt. Hinein in das Grauen, das nicht mehr Mensch ist.

Fazit

Es hätte ein unvergleichliches Manifest des Grauens und der filmischen Gnadenlosigkeit werden können. Dass The Divide fast überall abgelehnt und belächelt wird, liegt in der Natur extremer Filme. Unnötige, weil aussagelose Schaumschlägerei der Inszenierung gerade in der ersten Hälfte spielen den Kritikern aber in die Hände und verwehren Xavier Gens‘ einzig guten Film auch hier widerspruchsfreie Würdigung. Denn dafür vertraut der Film letztlich zu wenig auf seine inhärente Effektivität und verwässert sie mit effekthascherischem Geplänkel. Dessen ungeachtet ist der SF-Terror aber mehr als nur einen Blick wert, setzt er doch auf seine Weise Maßstäbe und besitzt eine Wucht und Eindringlichkeit, der man sich unmöglich widersetzen kann.

Ex Machina

Ex Machina ist der erste Film von Drehbuchautor Alex Garland. Zusammen mit einem kleinen, aber spannend zusammengestellten Cast wurde der 11 Millionen teure Film binnen 6 Wochen (udn mit anschließenden 6 Monaten Postproduktion) in Norwegen und London gedreht. Das Ergebnis ist ein großartig inszeniertes Kammerspiel, dessen technische Ausführung ebenso klug ist wie die inhaltlichen Ansätze.

If I did, would that be cheating?

Story

Caleb ist 26 Jahre jung, begnadeter Programmierer auf Rechnung der führenden Suchmaschine Blue Book und Gewinner einer betriebsinternen Ausschreibung. Er darf eine Woche auf dem abgelegenen Anwesen des exzentrischen Konzernchefs Nathan mit eben diesem verbringen.
Dort angekommen trifft er auf einen trinkfreudigen Sonderling, der in seinem luxuriösen High-Tech-Bunker mitten im sattesten Grün der Welt einen Vorschlag zu machen hat. Caleb wurde aufgrund seiner Fähigkeiten ausgewählt. Er soll die Zeit nutzen, um Ava, einer humanoiden, weiblichen künstlichen Intelligenz im mechanischen Frauenkörper, einem ganz besonderen Turing-Test unterziehen.
Aufgeregt, aber auch ein wenig skeptisch willigt der junge Programmierer ein und erlebt 7 Tage, in denen stetig unklarer wird, wer wem etwas vormacht und verschweigt, wer den benutzt und was es heißt, Gefühle zu haben.

Kritik

So wie sein Protagonist Caleb war auch Alex Garland 26 Jahre alt, als er seinen Durchbruchsroman The Beach schrieb, welcher bekanntlich die Grundlage eines viel besprochenen Filmes wurde. Danach blieb Danny Boyle dem Talent treu und verpflichtete Garland als Drehbuchautoren für seinen eigenen riesigen Erfolg: 28 Days Later und drei Jahre später Sunshine. Seine dritte Autorenarbeit fürs Science-Fiction-Genre im Kino war dann schließlich Dredd.
Trotzdem blieb er erfolgsverwöhnte Brite immer im Hintergrund. Nun, 19 Jahre nach The Beach, inszeniert er seinen ersten eigenen Film. Natürlich ist es Science-Fiction nach selbstverfasstem Drehbuch.
Nicht ganz so natürlich ist die Perfektion und Zurückhaltung, die bei diesem Regiedebut an den Tag gelegt wird. Zwar ist die Benennung seiner Figuren Caleb, Nathan und Ava mit eindeutigem Bibelbezug und sprechender Bedeutung etwas plump, abgesehen davon aber beweist Alex Garland großes Fingerspitzengefühl und Stilbewusstsein, um aus seinem Film über die eventuelle Menschlichkeit einer Künstlichen Intelligenz etwas ganz Besonderes zu machen, das sich von ähnlichen Filmen mühelos abhebt. Seine größte Hilfe dürfte Kameramann Rob Hardy gewesen sein, der selbst bisher nur mit wenigen, kaum bekannten Filmen in Erscheinung trat, unter der Leitung von Garland jedoch Bilder kreiert, die nicht etwa die Figuren, sondern vor allem die Architektur des Handlungsortes in den Vordergrund rücken. Das verwinkelte, abgeschiedene und ebenso abgeschottete Fort, in das Nathan sich zurückgezogen hat, ist ein grell-futuristischer Symmetriewahn, dessen Räume von viel kaltem Licht, strenger, steriler Gemütlichkeit und zahllosen klar definierenden Linien geprägt werden. In diesem technokratischen Klaustrophobie-Palast spielt sich 95% des kammerspielartigen Filmes ab. Die Art, wie die Kamera seine Figuren darin zeigt, wie sie, obwohl sie organische Fremdkörper sind, fast in den verschachtelten Gemächern versinken, verweist immer wieder eindeutig auf Stanley Kubricks größtes Genre-Werk – und das mit vollem Erfolg.

Die Figuren, die in diesem Käfig agieren, sind gleichsam verschlossen. Über die gesamte Spieldauer hält sich die mulmige Gewissheit, einem kalkulierten Macht- und Täuschungsspiel beizuwohnen. Das joviale Gebaren des jungen Internetmilliardärs Nathan, der Caleb gleich zu Beginn auf eine konstruierte, verlogen erscheinende Augenhöhe drängt und dabei von einer inneren Getriebenheit und Unruhe durchschüttelt wird, wird so gut gespielt, dass Oscar Isaac hinter seinem vollbärtigen und glatzköpfigen Charakter vollkommen verschwindet. Domhnall Gleeson als Caleb wirkt neben ihm naturgemäß etwas blasser, schafft es aber, den Zwiespalt seiner Figur gekonnt auszuspielen, muss sie sich doch unentwegt und vielfach zwischen zwei entgegengesetzten Richtungen entscheiden. Und damit wären wir bei Ava, der von „Geburt“ an in den Forschungsräumen Nathans eingeschlossenen Maschine, die sich wie eine Prinzessin danach sehnt, aus ihrem goldenen Käfig ausbrechen zu können, um die wahrhaftige Welt zu erfahren. Alicia Vikander mimt sie mit einer Mischung aus Unschuld, bewusst verführerischem Grundton und bedrohlich-faszinierender Unberechenbarkeit.
Dabei befinden sich die drei Figuren niemals zusammen in einem Raum – Ex Machina wird ausschließlich in Zwiegesprächen entwickelt. Vor allem hier kommt das Talent Garlands als Autor zum Vorschein, wenn er die Königsdisziplin, natürlich wirkende Gespräche zwischen einander Näherkommenden zu entwerfen, makellos in seinen Film integriert.
In den 108 Minuten wächst die beunruhigende Vorahnung, dass das Psychoduell zwischen den Figuren auf eine große Eskalation und eine ebenso große Enthüllung zusteuert, rasant an. Das maskenhafte Spiel zwischen gegenseitiger Überwachung, Kontrollsucht, permanenter Angespanntheit und der halbgaren Vermutung, dass sich alle gegeneinander ausspielen, während sie sich vorspielen, dass alles in bester Ordnung sei, während niemand um die Motive des Gegenübers weiß, bleibt bis zum Ende gerissen, angespannt und frei von Substanzlosigkeit.
Thematisch im Zentrum steht dabei natürlich der Diskurs über die Autonomie und Verantwortung einer und die Autonomiegewährung und Verantwortung gegenüber einer künstlich geschaffenen Lebensform, deren Komplexität zu Resultaten führt, die die Vorhersagemöglichkeiten ihres Erschaffers überschatten. Dabei begeht der Film nicht den Fehler, sich in plumpen Phrasen zu verfangen oder hundertfach Gesagtes stilbewusst wiederzukäuen. In Ex Machina werden Themen durch geschicktes Andeuten behandelt; der Film brüstet sich nicht damit, einfache Antworten auf schwierige Fragen zu haben, sondern genügt sich im richtigen Maß darin, diese Fragen erst zu stellen und dann höchstens eine von vielen Antworten zu geben. Trotzdem gelingt dem Film damit ein Beitrag zum Diskurs über Maschinenethik, wie er im filmischen Bereich bisher ausschließlich von Her geleistet wurde. Auch Überlegungen, was es überhaupt für einen Unterschied macht, eine Künstliche Intelligenz als Frau und nicht als Mann – oder gleich vollends geschlechtslos – zu konstruieren, wie sich das Frauenbild des Internets, das des Unterbewusstseins des Einzelnen und das in der Gesellschaft hochgetragene voneinander unterscheiden und ob es einen Punkt geben könnte, an dem mit menschlichen Kategorien nichts mehr zu erreichen ist, werden erwähnt und auf ihre ganz eigene Weise abgehandelt, ohne dabei einen Anspruch auf Richtigkeit und Vollständigkeit erheben zu wollen.
Damit all das gelingt, muss das Drehbuch von vornherein etwas zurechtgebogen werden. Um nichts zu verraten, sei hier exemplarisch nur erwähnt, dass es natürlich eigentlich quatsch ist, dass die Zugangsberechtigungen in Nathans Anwesen mit Karten geregelt werden und nicht etwa auf Stimm- oder/und Gesichtserkennung zurückgreifen, was viel sicherer, naheliegender und einfacher wäre. Solche Kniffe erlaubt sich das Drehbuch, damit es das größtmögliche Spannungspotenzial aus seiner Geschichte schöpfen kann. Und man kann es ihm eigentlich nicht übelnehmen, denn Ex Machina ist eben nicht nur ein kluger und ungemein atmosphärischer Film, sondern darüber hinaus auch ein enorm spannender. Das Finale, das man in dieser Form noch nicht gesehen haben dürfte, stimmt dem zu.

Fazit

Auf Alex Garlands ersten selbstgedrehten Film musste man lange warten. Das Ergebnis rechtfertigt diese Wartezeit absolut. Ex Machina ist ein makellos komponierter, stilbewusster und atmosphärisch dichter Dialogthriller in einem so beunruhigenden wie fesselnden Science-Fiction-Rahmen geworden, der kluge Fragen auf ebenso kluge Weise stellt. Gewissermaßen könnte man sagen, Spike Jonzes Her und Alex Garlands Ex Machina sind zwei Seiten derselben Münze.
Der Umstand, dass beide Filme gerade jetzt herauskommen, spricht eigentlich für sich, was die Dringlichkeit, die Relevanz, besonders aber das nur schwer fassbare Irritationspotenzial ihrer Thematik anbelangt.

Retreat

Regiedebütant Carl Tibbetts versucht sich mit klassischen Mitteln an einem klassischen Genre, dem Kammerspiel. Eine Mischung aus Psychoduell, Seelenstriptease und Paranoiabuffet vor dem Hintergrund eines möglichen Science-Fiction-Szenarios ist sein mit Jamie Bell und Cillian Murphy attraktiv besetzter Erstling Retreat geworden.

And there is no one else to go.

Story

Die Akademiker Martin und Kate verbringen ihren Urlaub auf der abgeschiedenen Insel Blackholme. Als einzige Menschen auf dem Brocken im Meer wollen sie ein paar Tage entspannen und sich an bessere Zeiten erinnern, um so nach einer Fehlgeburt ihre Ehe zu retten.
Es läuft nicht wie geplant. Das Pärchen scheitert an Harmonie, der Stromgenerator explodiert und anstatt des gemütlichen Doug, der für Personentransport und Reparaturarbeiten zuständig ist, kommt am nächsten Tag ein völlig Fremder und bricht ein paar Meter vor der gemieteten Hütte blutüberströmt zusammen. Kein guter Tag für zerstrittene Liebende.
Als die beiden ihn auf ihr Sofa hieven, ahnen sie noch nicht, wen und was sie sich ins Haus geholt haben. Der Verletzte erwacht und stellt sich als Jack Coleman vor. Er trägt eine Waffe, gibt vor Soldat zu sein und überrumpelt die beiden mit einer Nachricht, die zu schockierend scheint, um wahr zu sein. Jack verhält sich auffällig, wird zunehmend aggressiver und verbietet seinen Gastgeber, das Haus zu verlassen – der Sicherheit wegen.
Spricht er die Wahrheit oder handelt es sich um einen Kriminellen, der ein perfides Spiel mit dem Pärchen spielt?

Kritik

Das altbekannte Schema. Ein Fremder dringt in die private Sphäre und verhält sich auffällig, wobei der Film sich nicht ziert, das volle Programm abzuspulen. Dominantes Verhalten, verdächtige Sätze und ab und an ein irrer Blick, dazu Machtspielchen und cholerische Ausbrüche. Die Frage, ob er tatsächlich Soldat ist und  die Wahrheit spricht, oder ob es sich vielleicht doch um einen Irren mit Kontrollwahn und makabrem Masterplan handelt, steht im  Raum und drängt nach Beantwortung – doch egal, wie sie beantwortet wird, ein unsympathisches Ekel ist Jack ohnehin. Die Riege der hochcharismatischen Zwietrachtstreuer wird durch ihn nicht bereichert, aber das ist ja auch kein Muss.
Nur fehlt es auch den beiden Protagonisten an Ausstrahlung. Alle Figuren wirken auf ihre Weise kalt und kaum zugänglich. Das mag zu Seelenleben und Situation der Charaktere passen, macht es dem Zuschauer aber nicht leicht, um ihr Schicksal zu bangen. Unterkühlte Gestalten in einem unterkühlten Film, die etwas erleben, das normalerweise erst durch Erhitzung Spannung schafft.
Die Musik von Anfang und Ende strahlt eine bewegende Dramatik aus, die zwischen den ersten und den letzten Sekunden des tatsächlichen Filmes leider nicht so recht erbracht werden kann.

Retreat ist gut gespielt und schön gefilmt. Dafür einige Szenen sind zu lang und manche Bilder zu ereignisarm. Eine Stimmung der Beklemmung ist vorhanden, aber in der routinierten Verpackung wirkt das alles fast schon beliebig. Man kennt das Spiel an anderem Ort und die Figuren sind hinter dem guten Schauspiel von Murphy, Bell und Newton eigentlich sehr blasse Gesellen. Auch ihre Geheimnisse und Schattenseiten sind auf den ersten Blick nicht interessant genug, um tatsächlich mitzufiebern. Man schaut gerne hin, es ist gefällig, die Inszenierung ist erwähnt gut, wenn auch sehr unaufgeregt, das eigentliche Interesse regt sich aber kaum.
Richtige Spannung entsteht erst dann, wenn sich die Lage nach ziemlich genau einer Stunde verschlimmert, die Katze aus dem Sack zu sein scheint und man sich des eigentlichen Problems annehmen kann und muss. Das ist für einen solchen Film nicht sonderlich gut, denn es bedeutet, dass Zweidritteln von ihm verstrichen sind, bevor die Geschichte sich so warmgelaufen ist, dass sie den Zuschauer zum ersten Mal mitzunehmen vermag.
Nun mag man sagen, dass dieses Review hier gewissermaßen die Antwort auf die große Frage, die der Film stellt, im vorherein ausplaudert. Schließlich wäre Retreat nicht auf einer Science-Fiction-Seite zu finden, wenn sich zum Schluss herausstellt, dass der dubiose Eindringling tatsächlich nur ein Psychopath oder Gameshowmaster ist. Ein bisschen Zukunfts-Pandemie muss da schon drin sein.
Eigentlich aber ist der Ausgang der Story für die Kategorisierung unerheblich. So oder so arbeitet der Film mit der Zuschauererfahrung durch ähnlich geartete Filme und macht sich dieses mitgebrachte Vorwissen auch gekonnt zunutze. Man beobachtet das Treiben, studiert die Chemie zwischen den Charakteren und muss zwangsläufig mit Genregeschwistern vergleichen, um dann für sich und nach aktuellem Wissensstand zu beschließen, wie wahrscheinlich es ist, dass der Fremde falsches Spiel spielt und draußen eigentlich alles so paradiesisch wie eh und je ist. Gewisser Weise greifen die Zuschauer genauso wie Kate und Martin auf einen derartigen Wissenskorpus zurück und müssen auf seiner Basis entscheiden – nur dass hinzukommt (oder abgezogen wird, je nach Perspektive), dass sie nicht die Erwartung an eine Filmhandlung haben. Letztlich macht dies beim Abwägen der Möglichkeiten aber keinen nennbaren Unterschied.

Fazit

Eine Idee mit Potenzial, gute Schauspieler und ein friesisch-kalter Handlungsort. Eigentlich beste Voraussetzungen für erdrückende Atmosphäre und eiskalte Nervenreiberei. Dass der Film bis hin zu seinem Ende etwas zu routiniert abgespult wird und auch die Figuren zu beliebig angelegt sind, führt aber dazu, dass Retreat trotz guter Ansätze unterm Strich nur Durchschnittskost ist.