Space Station 76

Jack Plotnick hat in seinem Leben ausgiebige Erfahrung als Darsteller in allerhand renommierten Serien gesammelt. So nimmt es nicht wunder, dass sein erster eigener Langfilm Space Station 76, zu dem er auch das Drehbuch beisteuerte, nicht nur eine Verbeugung vor den Siebzigern, sondern auch eine vor dem Erzählformat Serie selbst ist.

I’ve always been amazed that asteroids can fly in groups for millions of years and never touch each other or connect.

Story

Jessica Marlowe ist eine aufgeweckte Aufsteigerin, die als Co-Chefin an Bord der Raumstation 76 beordert wird. Die aufgeweckte Dame stößt dort aber nicht auf das erwartete professionelle Team, sondern auf einen festgefahrenen Mikrokosmos sich aneinander reibender Charaktere, die ihre zwischenmenschlichen Alltagsprobleme nicht zu bezwingen wissen und sich allesamt in ihre ganz persönlichen Ersatzbefriedigungen flüchtete, die sich auf der großen Skala zwischen Autoaggression und Valiumabhängigkeit ansiedeln.

Kritik

Space Station 76 wirkt – beinahe – gänzlich so, als sei es aus einem längst verstrichenen Jahrzehnt gepurzelt. Mit Charakteren und Ideen aus den 80ern, mit Mode aus den 70ern – und mit Effekten und einem Satiververständnis aus den 90ern. Letzteres dient dazu, sich über die 70er zu belustigen.

Bereits der Titel schein t an die Namen vertrauter wie ergrauter Science-Fiction-Serien angelehnt und die Geschichte geht im Gleichschritt, ist doch auch sie inszeniert und erzählt wie eine Episode einer jener Serien; und das bis hin zum Schluss, der einfach die anschließende Folge erwarten lässt.
Dass man sich mitten im All befindet, spielt quasi keine Rolle (sieht man davon ab, dass die Isolation natürlich als für sich selbst sprechendes Motiv herhalten darf), denn für die Story relevante Entdeckungen außerhalb der Raumstation gibt es nicht zu machen. Die gesamte Handlung spielt sich in Fluren und Räumen ab, wo die Crewmitglieder mit-, gegen- und übereinander in bester Soap-Tradition schnattern, wettern, flöten und intrigieren. Erklärbar ist es vermutlich mit dem zugrundeliegenden Bühnenstück, das naturgemäß kammerspielartiger als ein Film daherkommt und für die vorliegende Adaption stilistisch auch nicht großartig abgeändert wurde.
Man braucht eine Weile, bis man in diese sonderbare Art von Universum geschlüpft ist und dort Orientierung gefunden hat. Nachdem man sich aber mit dem ungewöhnlichen Interieur, der vor sich hin groovenden Gitarrenmusik und der alles andere als üblichen Geschichte angefreundet hat, erfreuen schön ausdifferenzierte Charaktere und eine konsistente Ironie. Unterhaltsam ist der Film auch dann, wenn bei weitem nicht alle Witze zünden, zumal diese sowieso mehr zum Schmunzeln denn zum Lachen verleiten, und auch sonst nicht jede Szene mit Gold aufzuwiegen ist. Der Grundcharme der Idee und ihrer Umsetzung besitzt sein ganz eigenes Gewicht und Volumen.
Die anfangs noch befremdliche Kombination ist nach einer Weile in Fleisch und Blut übergegangen, in ihrer eisernen Konsequenz bewundernswert und Basis für eine völlig ungewohnte Art der Komödienerfahrung. Denn die Witze beziehen sich nicht auf die Optik und nicht direkt und herablassend auf die Kuriositäten und Verirrungen der 60er. All das ist vollkommen selbstzweckhafte Grundfläche, aber nicht Ziel des Humors. Dadurch wirkt das komplette Setting wie eine merkwürdige Mischung aus Ernst und Nicht-Ernst.
Und dann sind da ab und an diese dramatischen, nur für ein paar kurze Sekunden gänzlich vom Augenzwinkern entmantelte Szenen, die einen merkwürdigen, aber auch reizvollen Bruch hervorrufen, der Space Station 76, so geringfügig sie auch auftreten, eine besondere Note verleihen.

Im Zentrum steht aber unangefochten der ganz normale Alltagswahnsinn ein paar neurotischer Durchschnittsamerikaner. Dass man sich dabei in einer Zukunft befindet, die der übereifrigen Fantasie des Jahres 1976 entsprungen ist, ist genaugenommen absolut nebensächlich.
Zusätzlich funktioniert der Film aber auch auf eine feine Art als Lehrstück dafür, dass der Mensch weit mehr als anthropomorph denkt, er denkt egopomorph. Er erblick überall nur ein Spiegelbild seiner Erfahrungen, kann mit seinen Erwartungen nicht über den ganz persönlichen, furchtbar engen Horizont hinauskommen und führt damit unbeabsichtigt einen Zaubertrick auf, dessen Pointe darstellt, dass, nach Abzug des mystischen Rauches, sich ein jeder selbst als kleingeistiger Egoist enttarnt. Dazu passt auch, dass Sachen, die wir, stolz vor Edelmut, für unsere Nachfahren schaffen, von diesen womöglich gar nicht gemocht und gebraucht werden, weil diese völlig anders ausgerichtete Menschen sein könnten – der Film liefert ein passendes Beispiel hierfür.
Erfreulich ist, dass das niedrig budgetierte Projekt es sich nicht nehmen lässt, nicht nur motivisch den ein oder anderen Klassiker anzupreisen, sondern auch das Genre-Idol wie Keir Dullea kurz mal vor die Kameralinse schickt, um die Liebe zum Stoff zu unterstreichen.

Fazit

Der Film ergibt ein erfrischend unverbrauchtes Gesamtbild, das völlig unaufgeregt und auf das Filmformat pfeifend seinen Blick einmal durch die Folge einer 70er-Jahre-Telelovela schweifen lässt und dann unbeschwert wieder davontänzelt.
Ein kleiner Scherz, mehr nicht. Und so fühlt sich Space Station 76 auch an, mit all seinen Vor- wie Nachteilen.

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