Doomsday Book – Tag des Jüngsten Gerichts
Follow Süd Korea, 2012
Regie/Buch: Pil-Sung Yim, Jee-woon Kim

Doona Bae
Joon-ho Bong
Ji-hee Jin

Doomsday Book – Tag des Jüngsten Gerichts

Bewertung
7.1
Positiv: Abwechslungsreich, konzeptuell pfiffig miteinander verzahnt, technisch durch die Bank sehr gut
Negativ: Yim Pil-sungs Teil nicht ebenbürtig, Verhältnis von Humor und Ernst könnte ausgewogener sein
Leserwertung
7.3
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Zwei Regisseure, drei Filme – ein Omnibusfilm. Nichts Ungewöhnliches in der asiatischen Filmwelt. Die involvierten Personen sind es schon. Mit Yim Pil-sung (Hansel & Gretel) und Kim Ji-woon (I Saw the Devil, The Last Stand, A Tale of Two Sisters) sind mehr als nur anerkannte Filmemacher. Während auf ersterem die Hoffnung ruht, dass er noch Großes leisten wird, hat Kim Ji-woon sein Talent bereits vielfach unter Beweis gestellt. Ursprünglich sollte für den dritten Beitrag  Regisseur Han Jae-rim, der mit Portrait of a Gangster einen der wundervollsten und schrulligsten Thriller der letzten Jahre schuf, mitwirken, doch stieg dieser aus, woraufhin sich Kim und Yim am letzten Film gemeinsam versuchten.

Ich will jeden Moment aufzeichnen. Egal, ob schöne Momente oder schlechte Momente.

Story

Brave New World: Der nicht erfolglose, von seiner Familie aber völlig unterschätzte Yoon muss für ein paar Tage alleine den Haushalt schmeißen, während die Sippe Urlaub macht. Was Reinlichkeit anbelangt, waren seine Verwandten leider alles andere als motiviert. Das traute Heim strotzt vor Schmutz und in vielen Ecken modern ehemalige Nahrungsmittel  mit unkenntlich gegärten Zusätzen vor sich hin.
Widerstrebend entsorgt der junge Mann den Unrat. Doch wie die Wiederverwertungsindustrie nun einmal ist, wird eben dieser Hausmüll zu Tiermehl weiterverarbeitet, an hungrige Rinder verfüttert und irgendwo schleicht sich auch noch ein garstiger Keim ein. Die chemische Kombination ist natürlich – ein Zombie-Virus! Und das kontaminierte Fleisch landet direkt auf Yoons Teller, während dieser ein Date hat.

Heavenly Creature
: Androiden sind zu alltäglichen Stützen geworden, ein gemeinsames Leben mit ihnen ist lang schon Normalität.
In einem entlegenen Kloster ereignet sich aber Seltsames. Der Androide RU-4 erlangte das, was Mönche ihr ganzes Leben lang suchen: Erleuchtung. Ein Techniker wird geschickt, um den Sonderfall zu untersuchen und den Defekt zu finden, damit der Androide ersetzt und zerstört werden kann.

Happy Birthday: Die kleine Park hat einen sehr billardvernarrten Vater und ist daher nicht geringfügig in Sorge, als sie versehentlich seine schwarze 8 kaputt macht. Um den Vorfall zu vertuschen, bestellt sie auf einer etwas merkwürdig anmutenden Internetseite Ersatz und entledigt sich der des defekten Runds.
Zwei Jahre später hält ein Meteorit mit 10 Kilometern Durchmesser und der Form einer Billardkugel auf die Erde zu und kündigt das Ende an.

Kritik

Brave New World scheint anfangs nur von einem jungen Mann zu handeln, der endlich mal sturmfrei hat und die Zeit nutzt, sich vor Müll zu ekeln. Das Ganze ist ansprechend und unterhaltsam gefilmt und dazu so überzogen gespielt, dass man sich die ersten sieben Minuten einem reinen Slapstick-Film wähnt. Kurze Zeit später wird dann Schönes auf unappetitliche Weise dargestellt und mir nichts, dir nichts greift die Zombie-Plage um sich. Wobei zwischen Infektion und Verwandlung einiges an Zeit vergeht. Sowohl mit der Phase vor dem Ausbruch als auch mit diesem selber befasst sich der Film – im Verhältnis zu seiner Laufzeit – recht ausführlich. Die letzte Phase, wenn das Virus global um sich gegriffen hat und rostige Strukturen aufbricht, erfährt dann etwas weniger Aufmerksamkeit, obwohl sie die mit Abstand interessanteste ist.
Das alles ist nett anzusehen, beleidigt den Zuschauer nicht und macht auch nichts Entscheidendes falsch. Aber es ist auch einfach nichts Besonderes. Und bei einem Kurzfilm über Zombies etwas falsch zu machen, ist sowieso ein Ding der Unmöglichkeit.
Schade, dass man sich der eingangs so ausgewalzten Schmutz-Phobie des Protagonisten nicht weiterhin zugewendet hat, um die Geschichte mit Schwerpunkt auf ihr zu erzählen. Vielleicht wäre es dann kein besserer Film geworden, seine teilweise Austauschbarkeit hätte er dadurch aber auf jeden Fall verloren.
Die Invasion selbst wird nur angedeutet und, wohl aus finanziellen Gründen, nicht bebildert. Stattdessen dienen unterschiedliche TV-Beiträge als Ersatz für Illustration, wobei ganz nebenbei Verschwörungstheoretiker charmant aufs Korn genommen werden. Das Bunte Potpourri aus Nachrichten, Talkshows und pseudowissenschaftlichen Reportagen stellt eine herrlich skurrile Collage da, die viel besser funktioniert als der Rest des Filmes. Ganz zum Schluss nimmt das Geschehen noch einen Schwenk, der tatsächlich ein wenig an Cronenbergs Frühwerk Shivers erinnert.
Der Film wirft einige Fragen auf. Zum Beispiel, warum es in Korea offenbar normal ist, dass Leute an Fließbändern dafür bezahlt werden, den Hausmüll anderer Leute zu durchwühlen. Oder ob Kühe tatsächlich mit einem Rechen geschlachtet werden.
Nach alledem fragt man sich nach der letzten Sequenz etwas ratlos, was Brave New World denn überhaupt sein will. Kritik an Medien? Kritik an Massentierhaltung? Kritik am Umgang mit unserem Müll? Kritik an der Gesellschaft und Dekadenz allgemein? Kritik an Klarnamenzwang im Internet? Oder ist der Rote Apfel, mit dem es beginnt und endet, das Symbol für die Versuchung der schönen neuen Welt? Das Bibelzitat am Ende deutet an, dass all das, noch viel mehr und vielleicht auch gar nichts gemeint sein könnte. Vermutlich hat Yim Pil-sung einfach nur 40 Minuten Spaß gesucht und gefunden. Ganz ähnlich fühlte man sich auch bei seinem Debütwerk Hansel & Gretel.
Fassen wir zusammen: Launiger Anfang, Unterhaltsamer Endpart, zu gewöhnlicher Hauptteil – und damit in einer Kurzfilmsammlung eigentlich bestens aufgehoben.

6/10

Heavenly Creature ist der Mittelteil und widmet sich wenig überraschend den alten Fragen, ob Maschinen eine Seele haben können, ab wann künstliche Intelligenz nicht mehr zu unterscheiden ist von menschlichem Gemüt und warum wir Gutes fürchten, wenn es fremd ist. Heavenly Creature versucht von etwas zu erzählen, das wir als gleichwertig ansehen sollten, wenn wir nur einmal unseren per se voreingenommenen Blick in den naiven, nicht vorbelasteten Modus setzen könnten.
Das klingt bis hierhin wenig aufregend, da schon unzählige Male in unzähligen Variationen gesehen. Regievirtuose Kim Ji-woon  gelingt es aber, das Thema nicht kitschig oder sentimental, sondern erfrischend unkonventionell anzugehen und damit in einer noch ganz unverbrauchten Variation darzustellen. Er stellt die richtigen Fragen, erzeugt nur mit Worten große Spannung und setzt sein Werk aus traumhaft schönen, ungewohnt präzisen Bildern zusammen, die aus aufregenden Perspektiven betrachtet werden. Die Farben sind klar und warm, der Kontrast zwischen bebend ruhigem Kloster und stoischem Roboter ist berauschend und die Musik so makellos ausgewählt wie eingesetzt. Kernstück ist natürlich Androide RU-4, der sich bedächtiger bewegt als jeder Mensch, fremdartig, friedlich und unheimlich zugleich wirkt und perfekt komponiert durch den Film führt. Das offensichtliche Design-Vorbild I, Robot wird ab Sekunde 1 uneinholbar abgehängt.
Ein Roboter, der weiß, dass er nur Schraubenprodukt ist, der weiß, dass er repariert werden muss – und dennoch sein Gleichgewicht hat; produziert von einem Wesen, das fürchtet, von seiner eigenen Schöpfung überflügelt zu werden, deswegen das Zeitalter der Computer verflucht und Heil in hektischer Rückwärtsbewegung sucht. Sogar eine Prise Frankenstein lässt sich mit gutem Willen ausmachen.
Abfällig – unnötig abfällig – ausgedrückt, könnte man Heavenly Creature als ‚Laberfilm‘ abstempeln. Es wird geredet, eigentlich wird nur geredet. Allerdings ist es ein Laberfilm mit einem Roboter, der selbst kaum redet, über den dafür aber umso ausschweifender geredet wird – und darum geht es. Um Lebewesen, die zu eigenen Schlüssen fähig sind, über deren Köpfe aber hinweg entschieden wird. Klingt auf diesen Kern runtergebrochen platt, ist in der Ausführung aber mit seltener Eleganz geglückt.

Schade ist lediglich, dass der SF-Film zum Ende hin die Zügel loslässt und ins Pathetische ausbricht. Eine Erhöhung des Tempos – inhaltlich wie stilistisch – hätte es nicht gebraucht. Doch der Moment ist kurz und schnell kehrt wieder dem Tempel angemessene Ruhe ein.
Ein in Summe großartiger, cineastisch wertvoller Film, für den alleine sich der Kauf von Doomsday Book bereits lohnen würde.

8,4/10

In Happy Birthday befindet sich, wie schon im ersten Beitrag, eine große Spitze gegen das Fernsehen – natürlich, denn Selbstreflexivität kommt immer gut an. „Hätten sie auch gerne einen Bombenkeller, können sich aber kein eigenes Haus leisten?“
Eigentlich besteht das Filmchen zu einem Drittel aus Sketchen in Form von absurden Fernsehbeiträgen, die über das nahende Ende der Welt berichten und reichlich viele reichlich unvernünftig handelnde Menschen zeigen. Und das ist überhaupt nicht schlimm. Die Spots sind zwar durchgehend albern, überzeugen aber durch ein schönes Timing, haben funktionierende Pointen und machen den Film so zu einer hübschen Mischung aus purem Unsinn und einer weiteren Art von Unsinn, der aber eine düsterere Stimmung hat.
Die Familie um das kleine Mädchen, das die Apokalypse übers Internet bestellt hat, leidet nämlich ungemein unter der verfahrenen Situation und zeigt, auch durch das Spiel der Darsteller, große Emotion. Ein interessanter Dualismus, den der Film trotz seiner unsinnigen Thematik mit Geschick errichtet.
Technisch ist das Ganze ebenso gut umgesetzt wie der vorangehende Film. Sowohl musikalisch als auch visuell ist Happy Birthday eine Delikatesse. Die optische Eleganz liegt weniger an der Bildkomposition und mehr an der ungewöhnlichen Kameraführung, die nie Langeweile im Bild aufkommen lässt.
Leider ist die Geschichte um die Fernsehbeiträge herum nicht übermäßig spannend und erschöpft sich tatsächlich in der Prämisse der bestellten Billardkugel. Deswegen haben sich zwischendrin immer mal wieder einige Längen einschleichen können. Etwas, das bei grob 40 Minuten Spieldauer eigentlich nicht passieren sollte. Trotz allem auf seine Art empfehlenswert, obwohl der Film zwischen Comedy und seltsamer Familientragik im Bunker häufig desorientiert wirkt und keine der beiden Möglichkeiten voll ausnutzt.

6,9/10

Fazit

Alle Filme sind, wenn auch in unterschiedlichem Grad, sehenswert. Heavenly Creature ist sogar weitaus mehr als nur das.
Drei Filme, zwei Regisseure mit unterschiedlicher Handschrift. Yim Pil-sungs Arbeit ist handwerklich gut, zerfällt aber in zu viele Teile. Kim Ji-woon überzeugt nicht nur mit technischer, sondern auch mit inhaltlicher Raffinesse. Dem Schlussbeitrag Happy Birthday merkt man die Gemeinschaftsarbeit der Beiden in jeder Szene im Guten wie im weniger Guten an.
Was aus diesem Beitrag geworden wäre, wenn Han Jae-rim dem Projekt treu geblieben wäre, lässt sich leider nur raten. Doch auch so ist Doomsday Book – Tag des Jüngsten Gerichts eine schöne Anthologie über die Gründe, weshalb die Welt sich nicht mehr allzu lange drehen wird.

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Doomsday Book - Tag des Jüngsten Gerichts, 7.3 out of 10 based on 4 ratings

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