Teenage Mutant Ninja Turtles (2014)

Am 11. August startet das Sequel Teenage Mutant Ninja Turtles: Out of the Shadows in den Lichtspielhäusern. Höchste Zeit, den ersten Teil, der unter der Regie des wenig geschätzten Jonathan Liebesmann entstanden ist, unter die Lupe zu nehmen.

Have you seen that video where the cat is playing Chopsticks with chopsticks?

Story

Die Schläger des Foot Clans machen seit Jahren schon die Straßen von New York unsicher und werden in letzter Zeit wachsend aggressiver. Die Reporterin April O’Neil, die genug davon hat, unwichtige Boulevard-Sendungen zu moderieren, startet auf eigene Faust eine Recherche und kreuzt prompt den Weg vierer mysteriöser Rächer, die der Verbrecherbande das Handwerk legen wollen.
Bei ihren Nachforschungen stellt sie nicht nur fest, dass diese ominösen Helden mit ihrer eigenen Vergangenheit zu tun haben, sondern auch, dass es sich um jugendliche Schildkröten-Ninjas handelt, die von einer Kampfsportratte aufgezogen wurden.

Kritik

Zugegeben, der Anfang hat was. Wie da in die Kamera durch nette, abstrakte Bilder fährt, die klassischen Ninja-Turtles-Waffen ihre Schatten auf Kanalwände werfen und Geräusche machen, wie Splinter mit bedeutungsschwangerem Tonfall prophezeit, dass die vier Schildkröten Außergewöhnliches erleben werden. Das ist eine Verbeugung vor den Ursprüngen, das ist… nett. Und dann, dann endet der Ausflug durchs gezeichnete Kanalisationssystem und wir starten mit einer Verbeugung vor dem Produzenten Michael Bay. Ein Stadtpanorama dieser speziellen Art, wie man es von seinem Stil kennt. Glatt, zugekleistert, aus einem Helikopter gefilmt und von hymnischer Musik unterlegt, als wolle man tatsächlich sagen: Diese trostlose Ansammlung trister Stahlbaracken dort unten, die ist doch wunder-, wunderschön, nicht wahr?
Direkt danach wähnt man sich in einem Found-Footage-Film der wirklich schlimmsten Sorte, während wir einer April O’Neil in gelber Jacke einem Arbeiter an den Docks hinterherlaufen sehen. Für einen unschuldigen Moment glaubt man noch, man sähe hier einfach das Bild des hinterherhechtenden Co-Reporters, der das Interview filmt. Die nächste Einstellung belehrt uns eines Besseren. Auch ansonsten schreit hier alles „Dies ist ein Film von Michael Bay!“, obwohl es keiner ist. Alles ist seltsam grün ausgeleuchtet und wirkt deshalb wie ein Traum von G.I. Joe, die Kamerafahrten sind ausnahmslos gelangweilt und kaum eine Einstellung dauert länger als 5 Sekunden. Und wir reden hier von normalen, handlungstragenden Szenen. In Action-Momenten werden diese Zahlen auf einen viel kleineren Zeitraum gepresst und in dieser stark komprimierten Form wirkt es so, als liefe der Film in einem schrecklich öden Zeitraffer ab.
Das ist kein Problem von Teenage Mutant Ninja Turtles alleine, das ist kein Problem von Filmen á la Michael Bay alleine, das ist nicht mal ein Problem des Actionkinos der Gegenwart alleine, sondern eines, das zunehmend auf die gesamte Filmlandschaft übergewandert ist. Sorgfältig geplante Einstellungen, „cineastische Gemälde“, montiert mit bedachten Schnitten, das macht Kino aus. Durch den inflationären Einsatz von Handkameras wird Planung aber obsolet, stattdessen kann eine Szene aus unzähligen Perspektiven gefilmt und im Schneideraum zusammengestückelt werden, ohne dass zuvor ein wirkliches Konzept existieren muss. Das Ergebnis ist ein Flickenteppich aus Einzeleinstellungen, die zwar eine Geschichte, mitnichten aber ein stimmiges ästhetisches Erlebnis garantieren. Film mutiert zum chaotischen  Daumenkino. Sich darüber ausgerechnet bei Teenage Mutant Ninja Turtles auszulassen, ist etwas ungerecht, da es wahrlich schlimmere Vertreter dieser Gattung gibt, aber der Film ist auf der anderen Seite auch kein sonderlich schlechtes  Beispiel, um den geplatzten Kragen mal ein bisschen in der Öffentlichkeit auszuschütteln.

Alles andere ist eine höchst zwiespältige Sache. Dass das alles stumpf, von hanebüchenen Zufällen beherrscht und teils sehr platt inszeniert ist, erkauft sich der Film natürlich damit, auf einer Comicserie für Teenager basieren. Und man darf dabei auch wirklich nicht aus den Augen verlieren, dass auch der Originalstoff kein Shakespeare ist, wenn auch man sich nicht mal dort die Blöße gab, den alten Hut vom seinen Plan offenbarenden Bösewicht vom Haken zu nehmen. Aber die drei Filme der frühen 90er waren charmant, und das nicht nur aufgrund der rein handgemachten Effekte. Die animierten Panzerninjas von 2014 sind das manchmal auch, wenn auch auf eine tölpelhaft-nervige Halbstarkenweise, die sich primär durch Herumalbern definiert, aber eben auch dann und wann passable Slapstick-Momente bietet. Bei den menschlichen Figuren sieht es ganz ähnlich aus. Manche Kabbeleien zwischen April und den New Yorkern, die ihre Schildkröten-Rächer-Story nicht glauben wollen, entbehren nicht einer gewissen Schnittigkeit, andere wiederum überschreiten die Grenze zur Albernheit mit weiten Schritten. Grundsätzlich ist der Film aber geprägt von einer Geschwätzigkeit, die so redundant und einfallslos sind wie die Schnitte zwischen den Sekundeneinstellungen. Schön ist hingegen, dass man sich mit der Einführung des Szenarios Zeit lässt, sich dabei aber nicht in einer Origin-Story verstrickt, sondern diese in wenigen Minuten retrospektive nachliefert.
Interessant ist, dass sich die gesamte Geschichte um die säbelrasselnden Rennaissance-Kröten einer ganz anderen Herausforderung stellen muss. Denn dadurch, dass sie nun einen ernsten Look bekommt und die Protagonisten dank moderner Tricktechnik halbwegs realistisch aussehen, muss der Film irgendwann auch thematisieren, was sie da mit ihren scharfen Klingen eigentlich anstellen. Denn während die Nunchakus  Michelangelos und der Bo Donatellos keine zwingend letalen Waffen sind, sieht es bei Leonardos Katanas und Raffaels Sai ganz anders aus. Von  Shuriken, Tekagi-Shuko und so fort ganz zu schweigen. Der Film stiehlt sich allerdings davon, indem er einfach nicht zeigt, was die Konsequenzen der direkten Auseinandersetzungen mit Waffengewalt sind.

Mehr kann man eigentlich nicht sagen. Irgendwo ist da noch Whoopi Goldberg, die ihre Hochzeit zur gleichen Zeit wie die originalen Teenage Mutant Ninja Turtles hatte, William Fichtner hingegen wurde wie so oft verschenkt und sorgt nur indirekt für so etwas wie markante Momente, weil die von ihm verkörperte Figur Eric Sacks ausgesprochen genau wie „Sex“ klingt, was für die denkwürdigsten Momente des ganzen Filmes sorgt.
Teenage Mutant Ninja Turtles als kurzweilig zu bezeichnen, könnte falsche Signale aussenden. Langweilig ist der Streifen aber nicht wirklich. Sondern auf eine gar nicht so grauenhafte Weise belanglos. Die fünffache Nominierung für die Goldene Himbeere darf dabei aber trotzdem als maßlose Übertreibung gesehen werden. Denn in der unterirdischen Liga eines Transformers-Filmes spielt das Schildkrötenabenteuer in keiner Minute. Vergessen werden darf auch nicht, dass die vier Liebhaber italienischen Traditionsessens bereits ganz andere Tiefpunkte wegstecken mussten. Man denke da nur an eine gewisse Fünfte im Bunde namens Venus de Milo in der „Power Ranger“-Ausführung 1997/98. Gleiches gilt übrigens auch für die häufigen Schmähworte über das Design der Turtles. Ja, sie sehen monströser und nicht mehr so lieblich aus wie einst. Doch das Aussehen ist mehr als angemessen und passt absolut zum Setting.
Andererseits erzählt der Film aber auch so wenig, dass seine Dauer von 100 Minuten einfach viel zu lang ist. 30 davon weniger und die Sache wäre deutlich runder und damit zum Ende hin weniger zäh geworden.

Fazit

Man mag es nicht glauben, aber das Reboot der Teenage Mutant Ninja Turtles gehört zu dem eindeutig Besseren, was Jonathan Liebesmann in seiner Karriere so verbrochen hat. Auch wenn das nichts zu bedeuten hat. Und auch wenn man die Fingerabdrücke des Seelenverschlingers Michael Bays ständig zu spüren meint, ist das hier kein Transformers-Debakel. Wäre das Spektakel nicht nach hinten hinaus zu lang geworden, wäre durchaus noch mehr drin gewesen. So werden ein paar sympathische Gags der Anarcho-Kröten, halbwegs gelungene Actioneinfälle und fast verbrämte Bezugnahmen zur eigenen Serienvergangenheit zwar von einer Menge an tumbem Geschnatter, erschütternd liebloser Charakterzeichnung und einer bemitleidenswert hilflosen Kamera in den Schatten gedrängt, aber trotzdem kann man sagen: Es hätte viel schlimmer kommen können.

Und mit dem Nachfolger Out of the Shadows wechselt nicht nur Newcomer Dave Green (Earth to Echo) auf den Regiestuhl, auch werden allerhand coole Turtles-Schergen  die New Yorker Bühne betreten und mit etwas Glück den Comic-Charme entfesseln, der in diesem Film nur sehr unterdrückt zum Tragen kam.

 

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