Perfect Sense
Follow UK, 2011
Regie: David Mackenzie
Buch: Kim Fupz Aakeson

Ewan McGregor
Eva Green
Connie Nielsen

Perfect Sense

Bewertung
8.0
Positiv: Sehr ästhetisch gefilmt, mit schöner, überzeugend vermittelter Botschaft
Negativ: Manchmal arg gefühlsduselig
Leserwertung
8.0
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Die Werke, auf die David Mackenzie zurückblicken kann, sind Filme wie Young Adam und der schauderhafte Toy Boy mit dem schauderhaften Ashton Kutcher. Mehr oder weniger leichte, seichte Filme, die sich um das Thema Liebe drehen.
Da verwundert es, dass Mackenzies Film aus dem Jahre 2011 ausgerechnet ein Sci-Fi-Drama ist.
Doch wenn man das Werk etwas genauer betrachtet, liegen thematisch zwischen Perfect Sense und den anderen Arbeiten des Engländers gar keine so großen Distanzen.

Eyes closed, oblivious to the world around them.

Story

In der nahen Zukunft bricht eine Krankheit aus.
Sie ist offenbar nicht ansteckend, verbreitet sich aber rasend. Ohne erkennbares System, doch unaufhaltsam und global.
Und während man noch rätselt, ob Umwelteinflüsse, Wasserveränderung, UFO-Invasionen, Terrorangriffe oder Gott der Auslöser für die Miesere ungeahnten Ausmaßes ist, verliert die Menschheit nach und nach den Sinn. Wortwörtlich.
Erst ein heftiger emotionaler Zusammenbruch und wenig später kann man nicht mehr riechen. Nachdem die Nase ihren Dienst eingestellt hat, folgen die weiteren Sinne. Immer in gleicher Reihenfolge, immer in epidemischen Wellen.
In dieser Zeit finden der begnadete Koch Michael und die Medizinerin Susan zueinander. Und obwohl sie beide nicht an Liebe glauben, verlieben sie sich doch, wenn auch voll Misstrauen und Zweifel.
Während die Sinne nach und nach abhandenkommen und die Weltordnung ruppig aus den Fugen gehoben wird, wird die fragile Bindung zwischen den beiden immer stärker belastet.

 Kritik

David Mackenzies Sci-Fi-Mär über eine Welt wie von Sinnen ist ein gelungener Film, der in erster Linie – und damit vielleicht ja sogar etwas selbstreflexiv – die Sinne reizt. Denn Perfect Sense ist handwerklich ungemein ausgereift.
Allem voran ist die herausragende Kameraarbeit zu loben, die so unaufdringlich wie ununterbrochen wunderschöne Ausschnitte– häufig auf Hüfthöhe der Personen – liefert, sie in kühlen blauen Farben präsentiert und damit eine ganz eigene Bildpoesie entwickelt.
Dazu kommen mit Ewan McGregor, Eva Green und weiteren hochkarätige Schauspieler, die durchdachte, vor allem aber sehr authentische Dialoge zum Besten geben dürfen.
Und wie das Handwerk ist, so ist auch die Atmosphäre: Kühl, wohl komponiert und ein wenig poetisch.

Manchmal meint der Film es aber auch etwas zu gut und kommt der Grenze zur übermäßigen Sentimentalität gefährlich nahe. Aber das nur, wenn man nicht bereit ist, diesen Schritt mitzugehen. Ob man sich von der hohen Emotionalität überreden lässt oder nicht, davon hängt es ab, ob Perfect Sense funktioniert oder verärgert.
Wimmernde Menschen, unterlegt von einer melodramatischen Frauenstimme und traurigen klassischen Stücken sind ohne Frage in höchstem Grade manipulativ, aber richtig eingesetzt eben auch ungeheuer effektiv. So wie in Perfect Sense, wenn man dem Film die Führung überlässt.

Von seltener Intensität sind die Szenen, in denen gezeigt wird, wie die Menschheit ihre Empfindlichkeit gegenüber der Natur einbüßt. Ganz besonders die Ausbrüche vor dem Verlust eines Sinnes sind perfekt eingefangen und ergreifend in Szene gesetzt. Das liegt auch daran, dass man den Zuschauer erahnen lässt, wie sich die völlige Hilf- und Schutzlosigkeit der noch nicht Betroffenen anfühlen muss, denen nichts bleibt, als einfach nur darauf zu warten, dass auch sie das Syndrom erfasst.
Fantastisch ist auch die Idee, zu zeigen, wie in der Restaurantküche reagiert wird, nachdem alle ihren Geruchssinn verloren haben. Schade, dass auf die Kompensationsmöglichkeiten bei den weiteren Phasen nicht ebenso ausführlich eingegangen wird, aber womöglich hätte der Effekt sich auch abgenutzt. Ebenfalls schön ist, dass glaubhaft vermittelt wird, wie eminent wichtig die Sinne für unser Erinnerungsvermögen – und damit letztlich für unsere Identität sind. An diese Eindrücke geknüpft sind Erinnerungen jeder Couleur, die durch Affizierung der Sinne, durch bestimmte Gerüche oder Geschmäcker wieder reaktiviert und vergegenwärtigt werden. Auch sie verblassen mit den Düften und Geräuschen der Welt.
Die ganze darin enthaltene Tragik wird offen gezeigt, aber selten zu überzogen dargestellt.
Dass die Protagonisten in einer möglichst dramatischen Reihenfolge erkranken, ist keineswegs logisch, da ja aber sowieso die ganze Sache eine Allegorie ist, muss es das auch nicht zwingend sein.

Was oben bereits angesprochen wurde, verdichtet sich zum Ende hin immer mehr. Man muss sich immer stärker auf den Film einlasen. Wer der besonderen Stimmung nicht folgen kann oder will, wird den erzählerischen roten Faden schnell sehr vermissen. Die Geschichte rückt mit jedem verlorenen Sinn nämlich weiter in den Hintergrund und wird von Impressionen, essayistischen Gedankenmonologen und, um das Kind beim Namen zu nennen, viel, viel Pathos abgelöst. Wer der nicht ganz rutschfesten Einladung folgt, Liebe und Lebensfreude als Essenz von allem zu huldigen, dem ist ein gewisser Unmut oder das ein oder andere, immerhin sehende, verdrehte Auge keineswegs übelzunehmen.
Geschmackssache ist ebenfalls der etwas offene Schluss, denn ein letzter Sinn bleibt – vorerst? – erhalten, damit die Botschaft der Geschichte mit Überzeugung zum Ende gebracht werden kann.

Fazit

Liebe in Zeiten des Außergewöhnlichen ist ein beliebtes, grundsätzlich funktionierendes Sujet. Und die Idee des Außergewöhnlichen in Perfect Sense ist wahrlich außergewöhnlich.
Im Anschluss an den sehr ausgewogenen, spannend erzählten ersten Teil folgt ein Rest, der einen mutigen, speziellen, aber auch nicht für jeden gemachten Weg einschlägt, der zu einem ehrlich vorgetragenen Optimismus im Angesicht des Schlimmsten führt.
Obwohl sich der Liebesfilm im Science-Fiction-Szenario dann und wann zu sehr in Sentimentalitäten verrennt, lohnt sich das Gesamtpaket aber – wenn auch nicht für jeden.

Endlich kann man aber mal guten Gewissens sagen: Wem der Trailer gefällt, dem dürfte auch der Film zusagen.

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Perfect Sense, 8.0 out of 10 based on 3 ratings

2 Kommentare

  1. tintintu
    4. August 2013, 21:14

    random thoughts (ungeordnet ^^):

    Den Film haben mein Göttergatte und ich gerade (na ja, vor ca. 1-2h) aufgrund deiner guten Bewerbung im Google Play Store ausgeliehen und gesehen ;). Habe allerdings nur die ersten paar Zeilen gelesen und ein bisschen was anderes erwartet. Zumindest anfangs, aber der Film ist beim Ausleihen nur als „Drama“ gekennzeichnet gewesen, nicht als Sci-Fi (im GPS).

    Die Erwartungen, die ich an den Film hatte, waren also eeeeetwas anders. Ich dachte es würde sich mehr um die Epidemie als solche handeln. Also ein Film in Richtung: Ursachenforschung, Bekämpfung und am Ende vielleicht sogar das Happy End, Impfstoff gefunden, yeah.

    Leider wurde darauf ja eher weniger eingegangen. Mit Ausnahme von: Das Baby in Berlin wurde mit allen Sinnen geboren. Kurze Szenen aus anderen Laboren. Ich hätte gerne gewusst, ob die Tiere auch infiziert waren. Ein bisschen gab es, aber gerade am Anfang viiiiel zu wenig.

    Erstaunt hat uns, dass die Welt nicht doch sehr viel schneller zusammengebrochen ist.
    Dass so wenig Quarantänemaßnahmen ergriffen worden sind (anfangs).
    Dass die Menschen sich tatsächlich angepasst haben um „das beste“ daraus zu machen. Obwohl in Glasgow gedreht (und vermutlich war die Stadt im Film ähnlich groß), ging es da ja echt noch human zu. In einer Stadt erwarte ich ja eher anderes.

    Bei Epidemien etc. glaube ich eher, dass die meisten Menschen ein Fluchtgedanke packt und sie in weniger besiedelte Gebiete abhauen. Die Stadt blieb ja noch ziemlich voll. Mhmhmhm. Nunja.

    Mein Freund und ich waren uns ziemlich schnell einig, dass wir uns schon nach dem Verlust des zweiten Sinnes (aber spätestens mit dem Hörverlust) einen Selbstmordplan zurecht gelegt hätten. Die Wahrscheinlichkeit, dass auf das eine das andere folgt, ist ja ziemlich hoch. Und nur noch zu fühlen reicht gerade so aus um sich die Pulsadern nochmal aufzuschneiden. (Arm in Arm natürlich. Muss ja so gefühlvoll sein wie im Film.)

    Am Anfang hat sich der Film imho viel zu sehr gezogen.. Langatmig, wenig spannend, hat schon fast zum Ausschalten aufgefordert, aber weil er Geld gekostet hat, haben wir uns etwas weiter dadurch gequält und wurden belohnt. Ich fühlte mich die ganze Zeit dazu gezwungen herumzuschnüffeln und meinen Geruchssinn zu testen. Als die beiden Seife gegessen haben, konnten wir nur „Iiiiih“ rufen. Immerhin, die Erinnerung daran wie Seife schmeckt war genügend um es eklig zu finden. Und als der eine Koch sich das Öl runtergekippt hat, wurde mir tatsächlich schlecht. Ich habe mal (frag mich nicht mehr wieso ^^) einen Öffel (huch, was schreib ich denn da? Das Wort ist lustig, das lass ich mal stehen..), einen Löffel mit Olivenöl schlucken wollen. Ich glaube das ist gut gegen Entzündungen oder so. Wie auch immer, ein einziger Löffel ist furchtbar widerlich und eklig und buaahah. Zu sehen wie sich einer literweise Öl runterkippt ist fast genauso angenehm.
    (Gut gespielt!)

    Mehl und Fett. Mehl und Fett. Mehl und Fett. Wieso gab es keine Menschen, die immun waren? Solche gibt es doch immer?!

    Das Ende war traurig. Ich hätte fast geweint. Ich weine eigentlich fast immer bei solchen Filmen. Entweder war es die Mücke, die ich noch hören konnte, weil meine Sinne da waren oder der Film war nicht gaaaaaaaanz so gut. Oder der traurige Moment nicht lange genug ausgereizt. Je ne sais pas.

    Es war ein Film, den man als empathischer Mensch lieber schnell wieder vergisst, weil die Vorstellung selbst in so einer Lage zu stecken doch sehr bedrückend ist. (Und genauso, irgendwie ein wenig ratlos und bedrückt, hinterlässt der Film einen auch!). Immerhin waren die Autoren so nett beim letzten Sinnesverlust noch einmal Freude, Vergebung und Liebe einzubauen. Danke.

    7 Punkte nur weil:
    -1: seeeehr langatmig am Anfang, Schwester war doof.
    -1: mehr Epidemiezeug 🙁
    -1: overall drama-lama manchmal.

    fettige und mehlige grüße,
    ein anderes (nicht-arschloch)-paar.

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  2. tintintu
    4. August 2013, 21:16

    huch, sehr durcheinander:

    „Habe allerdings nur die ersten paar Zeilen gelesen und ein bisschen was anderes erwartet. Zumindest anfangs, aber der Film ist beim Ausleihen nur als “Drama” gekennzeichnet gewesen, nicht als Sci-Fi (im GPS).“

    Damit meine ich, dass ich nur dein Sci-Fi im Kopf hatte. Und bei Google Play stand er nur als Drama. Er ist imho auch sehr viel mehr Drama und zumindest kein Sci-Fi-Sci-Fi wie man sich Sci-Fi erstmal denkt. Also für mich ungeübten Sci-Fi-Seher und Klischée-Sci-Fi-Menschen war er quasi kaum Sci-Fi. Nur ein bisschen. Für einen Film mit großer Epidemie eigentlich zu wenig Sci-Fi. Also 10% Sci-Fi und 80% Drama und 10% Lama. (Wegen Drama-Lama.)

    Gute Nacht ^^

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