Unterwegs zu neuen Welten – Star Trek als politische Utopie

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Das Thema

Unterwegs zu neuen Welten – Star Trek als politische Utopie ist die Promotionsschrift des Leipziger Wissenschaftlers Sebastian Stoppe, der Kommunikations- und Medienwissenschaft sowie  Mittlere und Neuere Geschichte studierte.
In der Schrift unternimmt er den Versuch, das weitschweifige Korpus Star Trek als utopischer Text zu identifizieren bzw. wagt die Probe, ob dieser enorme Text, der nun bald schon ein halbes Jahrhundert die Kultur prägt und spiegelt, als ein solcher zu lesen ist.

Kritik

Dabei wähltdes  Stoppe einen ungewöhnlichen Weg für ein filmwissenschaftliches Projekt, denn er will sich für seine Forschung nicht auf das, was zu sehen und dessen Inszenierung fokussieren, sondern, im Gegeteil, auf das, was nicht zu sehen ist, was nur suggeriert und angedeutet wird, nämlich die gesamte Welt und ihren Entwurf (S. 33). Und darüber hinaus, das betont er gleich mehrmals, ist ihm daran gelegen, die „Intention der Autoren“ mit einzubeziehen und diese zugleich aus dem Werk herauszuarbeiten. Das ist schon mal keine per se unproblematische Methode, lädt sie doch dazu ein, in Vagheiten oder gar Spekulationen zu verloren zu gehen und die eigentlich präsenten, vom Film oder der Serie konkret zur Verfügung gestellten Zeichen auszusparen, zumindest aber zu diskreditieren. Andererseits aber, verfolgt man den gewählten Pfad gewissenhaft, bezieht sich auch hier natürlich alles auf präsente Zeichen, nur eben auf die recht eingeschränkte Zahl jener, die etwas über die etwaige utopische Struktur innerhalb der Star-Trek-Welt auszusagen wissen. Von dieser etwas schwierigen Prämisse ausgehend, folgt dann aber im Rest des Buches ein recht normaler Umgang mit dem Untersuchungsgegenstand, der einer solchen Einleitung nicht bedürft hätte.

Die Definition von ‚Utopie‘ erfolgt in einem frühen Kapitel auf recht kategorische Weise, lässt tatsächliche, wegweisende frühe Utopien der Literaturhistorie aber ungenannt und verweist stattdessen darauf, dass die Utopie eigentlich erst mit Thomas Morus‘ ‚Utopia‘, also in der Neuzeit,  Zum „Genre“ gerinnen konnte (S. 36). Das ist mindestens eine strittige These, ändert aber nichts an der Richtigkeit der in der Nachfolge geschickt gerafften Charakteristika, welche eine Utopie definitorisch zu erfüllen hat, um als solche bezeichnet werden zu können. Der Grund für seine Versteifung auf Morus‘ Utopia liegt auf der Hand: Star Trek Funktioniert nicht nach den Regeln einer klassischen literarischen Utopie, sondern nach denen der konkret genannten. Der utopische Staat expandiert, tut dies aber nicht aggressiv, er führen Krieg, aber nur um seine Vorstellung von Gerechtigkeit umzusetzen, nicht invasiv. Die Gesellschaft ist durch eine klare Ordnung strukturiert, alle Grundbedürfnisse sind befriedigt, die geistige Arbeit wird stärker geschätzt als alles andere. Daneben finden nur noch La città del Sole von Tommaso Campanella (S. 53), welche ein Jahrhundert jünger ist, sowie Bacons Neu-Atlantis von 1627 (S. 62) eine eingehendere Erwähnung. Alle beide, vor allem aber Bacons Konzeption, teilen sich ebenfalls fundamentale Punkte mit den Star-Trek-Maximen. Dass sich Stoppe nur auf Renaissance-Utopien stützt, schadet ein wenig der Repräsentativität (und lässt die Frage aufkommen, warum der Untersuchungsgegenstand nicht gleich konkreter mit solchen gleichgesetzt wurde), lässt die Richtigkeit des Grundgedankens aber unberührt.
Stoppe ist übrigens versierter Aufspürer von Makeln in den Texten anderer. Selten gab es eine Veröffentlichung, deren Zitate so oft mit einem „[sic!]“ versehen waren. Nur ist der Wissenschaftler auch selbst nicht gänzlich vor Fehlern gefeit.
Wirklich vorwerfen muss sich Stoppe aber lassen, dass er er einen sehr wackeligen Fokus hat. Zwar wird – mal mehr, mal weniger zwanglos – immer wieder der Bogen zum Thema Utopie geschlagen, genaugenommen handelt es sich bei Unterwegs zu neuen Welten aber eher um ein essayistischer Umblick im Star-Trek-Universum generell und nicht um eine systematische Analyse utopischer Strukturen in diesem. Im letzten Viertel scheint der Bogen dann doch noch gespannt zu werden, doch dann verstrickt sich der Autor in einer seitenlangen Aufzählung von Parallelen zwischen der fiktiven Realität von Star Trek un unserer Bezugsrealität – gekreuzt mit einer ausführlichen Nacherzählung diverser Begebenheiten in der Star-Trek-Diegese (S. 201 – 252). All das ist natürlich relevant für die Fragestellung, doch steht das eigentliche Thema einer möglichen Utopie-Konzipierung in keinem adäquaten Verhältnis zu den Behandlungen der zahlreichen thematischen Unterkomplexe. Die Wahl der Schwerpunkte ist in Unterwegs zu neuen Welten – Star Trek als politische Utopie eine nur schwer nachvollziehbare. Lediglich am Ende wird mit Bezugnahme auf die Borg noch einmal ein interessanter Bezug zu den eher technikbasierten Utopien gezogen – aber auch dies bleibt ein nur unterschwelliger Gedanke.
Ein anderer Titel wäre dem Inhalt des Werks eher gerecht geworden, hätte dann aber nicht um seine doch eher schwammige Struktur hinweggetäuscht. Der Etikettenschwindel hat aber auch etwas Positives: Das Buch ist beileibe nicht (nur) für die schmale Gruppe der Forscher zwischen Utopie und Science-Fiction interessant, sondern letztlich für jeden Star-Trek-Interessierten einen Blick wert. In Unterwegs zu neuen Welten werden anschaulich innerfiktionale Bezüge der gesamten Star-Trek-Serie hervorgehoben und miteinander in Verbindung gesetzt. Und das ist letztlich ein Verdienst, der eigentlich eine eigene Überschrift verdient gehabt hätte.
Insgesamt ist die Promotionsschrift zwar ohne wirkliche Finesse, aber sehr gefällig und leserfreundlich geschrieben, was insbesondere bei einem Produkt, das aus einer Dissertation entstanden ist, keine Selbstverständlichkeit darstellt. Trotz einiger sprachlicher Unsauberkeiten (z. B. „Die Möglichkeit, die Erde zu verlassen und in den Weltraum vorzustoßen, war nun nicht mehr unmöglich […].“ S. 101) ließt sich die Veröffentlichung flüssig. Auch deshalb weil das Thema sich langsam aufbauend und mit nachvollziehbarer Systematik verfolgt wird. Nur muss man auch konstatieren, dass Unterwegs zu neuen Welten unterm Strich nichts Phänomenales offenbart. Vieles ist eine gefällige Wiederaufbereitung gar nicht so wegweisender Fakten. Dabei gilt es aber festzuhalten, dass Stoppe mit einer ordentlichen Kenntnis der Materie überzeugt. Es wird sich alle Naselang auf einzelne Episoden bezogen, Bezüge zwischen folgen und Serien werden korrekt dargestellt und auch an Hintergrundwissen fehlt es mitnichten. Die Untermauerung seiner Argumentation hat Hand und Fuß.

Fazit

Das Buch der Schriftenreihe ‚Medienrausch‘ des Zentrums für Wissenschaft und Forschung ist methodologisch nicht lupenrein und thematisch manchmal etwas zu unkonzentriert. Man sollte es dem Buch nicht zum Vorwurf machen, dass es letztlich viel weniger das ist, was es vorzugeben scheint – die Zielsetzung der Aufdeckung utopischer Strukturen in dem Text ist zu verwaschen von etlichen Diskursen. Denn betrachtet man das Buch ohne seinen Einband, handelt es sich um eine gut lesbare Zusammenfassung in Sachen Star Trek, die eigene Schwerpunkte setzt, interessante intertextuelle aber auch polithistorische Verknüpfungen schafft und einige sehr interessante Aspekte anspricht.

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