Japan-Filmfest Special: Tebana Sankichi: Snot Rockets

Japan-Filmfest Special 4

Der abschließende Beitrag des ersten Japan Filmfest-Tags in Hamburgs kleinem Kino 3001 ist etwas Unerwartetes. Unfug in ungeahnten Dimensionen und nie für möglich gehaltener Geschwindigkeit, erstellt in unglaubwürdig vielen Jahren von Wirrkopf Yudai Yamaguchi (Versus, Meatball Machine, The ABCs of Death) und auf nie geahnte Weise ganz besonders einzigartig.

Make your prayers.

Story

Tebana Sankichi ist ein heroischer, von aller Welt vergötterter Detektiv, der gemeinsam mit seinem Sidekick Jiro, der alles zweimal sagt, knifflige Fälle löst und schauderhafte Bösewichte stellt. Außerdem bewahrt er regelmäßig Frauen davor, sich von einer Brücke in den Tod zu stürzen, und ohrfeigt sie danach.
Als Jiro stirbt, gerät seine Welt aus den Fugen und er kann nicht mehr… doch halt! Eigentlich ist er Charakter einer Serie, die in hunderten Episoden ausgestrahlt wird. Und dann ist da auch noch dieser Postbote, der ihm unbedingt einen Brief zustellen muss und dafür durch die ganze Welt hastet. Dann taucht plötzlich der Bruder des verstorbenen Jiros auf, der genauso aussieht, aber alles drei- und nicht zweimal sagt, doch auch er stirbt! Etwas Böses lauert im Hintergrund und zieht die Fäden. Erst einmal sollte aber gezeigt werden, wie unser Held Tebana Sankichi zu der Person wurde, die er ist.
Und dann ist da ja auch noch die Sache mit den Einschaltquoten…

Kritik

So wie Kant einst die abendländische Philosophie in eine tiefe Krise schubste, so kann auch dieser Film als Endpunkt der Kunstform Kinovergnügen angesehen werden. Denn: Was soll hiernach bitteschön noch folgen, welche relevante Ergänzung könnte im Anschluss noch gemacht werden?
Tebana Sankichi: Snot Rockets ist ein Film, gemacht für all jene, die denken, sie hätten bereits alles gesehen. Und vielleicht wünscht man sich am Ende – oder auch schon nach zwei Minuten – dass dem tatsächlich so gewesen und man nicht eines Besseren belehrt worden wäre.
Hier ist nichts subtil, feinsinnig oder tiefschürfend, wahrlich nicht. Es ist ein Film, der so tut, als wäre er ein Sender, der so tut, als würde er willkürliche Ausschnitte mehrerer Serien zeigen, die in willkürlicher Reihenfolge ausgestrahlt werden. Nur dass die Sendungen ineinander übergehen, irgendwie miteinander verknüpft sind, die Figuren die fiktive Realität durchbrechen und zu einem ebenso fiktiven Zuschauer sprechen, während sie wenig später als Werbemittel für sich selbst auftauchen. Das alles klingt verwirrend. Doch weder ist es das, noch hat das alles eine irgendwie entscheidende Relevanz. Alles ist Witz, alles ist Unfug, alles ist Schabernack, eine Anhäufung übermütiger Bocksprünge, die die Sinnlosigkeit zum Sinn gekürt haben.
Die Serie, deren Protagonist der namensgebende Tebana Sankichi ist, besteht genaugenommen nur aus schallendem Gebrüll. Der Held ist ein aus Coolness zusammengesetzter philanthropischer Schwertkämpfer, der zeitweise an Narkolepsie leidet und ohne seinen Sidekick in suizidalen Depressionen versinkt. Jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, an dem der Sender sich entscheidet, die Richtung der Serie zu ändern und eine frühmorgendliche Telenovela aus ihr zu machen. Zur Halbzeit gibt es ausuferndes Zeichentrick-Prequel, zwischendurch ein bisschen Puppenspiel und andauernd tauchen eigentlich schon bekannte Elemente in eigentlich schon bekannter Fassung auf und schaffen es dennoch, sich selbst zu übertrumpfen und –tölpen. Woraufhin das Gleiche noch mal passiert, nur in abgewandelter Form. Zwischendurch kommt immer mal wieder ein Abspann, der suggeriert, dass der Film beendet und überstanden sei. Doch stellt sich dann heraus, dass es wieder nur ein Abspann einer Staffel war, der die nächste folgt. Es ist nicht nur ein riesengroßer Spielplatz des unerwartet Sinnlosen, es wird auch unverfroren, clever und hemmungs- wie gnadenlos mit dem Zuschauer – dem echten wie dem fiktiven – gespielt.
  

Tebana Sankichi: Snot Rockets adäquat mittels eines Textes zu beschreiben, ist ein Ding der Unmöglichkeit. Auch deshalb, weil Vergleichsobjekte vollkommen fehlen. Wenn man sich Hot Shots in vierzigfacher Geschwindigkeit vorstellt und dann ganz viel No-Reason-Philosophie von Quentin Dupieux auf schlechtem Speed reinrammt, hat man eine Ahnung, aber keineswegs eine Vorstellung davon, was einem schwant.
Wenn der kühne Held mit falschem Bart für gefühlte Minuten auf dem Boden einer Gefängniszelle zappelt und groteske Geistererscheinungen anschreit, ist das nicht der Höhepunkt, sondern eine vollkommen normale Szene in diesem überfordernden Wirbelsturm rücksichtsloser Narretei. Alles ist so beißend, schrill und randvoll mit einfach allem, dass es einen von der ersten Sekunde an überrollt. Man muss den grenzenlos albernen Humor des Filmes überhaupt nicht teilen; er rauscht mit einer so sinnesbetäubenden Frequenz heran, dass man gar keine andere Wahl hat, als vor Entsetzen, Empörung und blanker Hilflosigkeit zu lachen. Und sei es nur, um sich irgendwie Erleichterung zu verschaffen, indem man selbst etwas Normales erzeugt. Diese dreiste Art, in jeder Szene auf ein Neues mit dieser traumatisierenden Spirale aus Manie zu überraschen, hält diesen pulsierenden Post-Film am Leben.
Yudai Yamaguchi hat 1995 angefangen, an diesem 74 Minuten langen Film zu arbeiten und nach und nach gemeinsam mit seinen Darstellern auf der ganzen Welt Sequenzen hinzugefügt. Heißt: Es entstanden etwas mehr als 4 Minuten pro Jahr.
Und mit ausschließlich jeder dieser großen und kleinen Episoden tut er Dinge, die kein Filmemacher bei klarem Verstand auch nur in Erwägung ziehen würde. Dieser geschmacklose destillierte Sinnesterror zwischen Geistern, Gangstern, Geschrei und Gezappel ist voll mit verrückten Geräuschen, Träumen in Halluzinationen, ‚Where is Mr. Postman?‘, Genresprüngen und sinnbefreiten Subplots. Purer Nonsense. Am Ende gibt es keinen Witz, den der Film nicht im Zeitraffer angeleckt und in verunstalteter Form zurückgelassen hat, keine affige Unvorstellbarkeit, die nicht geritten und mitten in einer Wüste zum Verdursten abgestellt wurde, und kein bizarres Bild, das nicht aus irgendeiner unmöglichen Perspektive auf den Zuschauer herabgegrölt hat, um sich dann selbst zu verschlingen. In jeder atemlosen Minute geschehen mehr verstörende Dinge als ansonsten in einem Jahr internationaler Filmgeschichte.

Dass man am Ende dieses Textes immer noch keine Vorstellung davon hat, was dieser Tebana Sankichi: Snot Rockets nun eigentlich ist und warum wie welche Geschichte erzählt wird, liegt schlicht und ergreifend daran, dass der Versuch, über diesen Film zu schreiben, zum Scheitern verurteilt ist. Es handelt sich um eine Sinneserfahrung, die so grenzwertig ist, dass eine Übertragung in ein anderes Medium sich nicht im Möglichen befindet.

Fazit

Der vielleicht kaputteste, blödeste, anstrengendste Schund, den es je gegeben hat und jemals geben wird. Filmgewordene Dummheit; und das in exzellenter, schmerzhaft unterhaltsamer Reinform, die einem – ob man auf japanischen Blödsinn steht oder nicht – gar keine Wahl lässt, als in hysterischer Panik zu kichern. Inmitten einer irritierend wohlwollenden Woge von Entrüstung vergisst man schnell, dass Tebana Sankichi: Snot Rockets nicht mehr als eine Aneinanderreihung von Quatsch ist. Das Maß ist voll.